Deutsch
Ich habe ein altes Skizzenbuch gefunden. Auf der ersten Seite steht in meiner Handschrift:
Ich hatte es vollständig vergessen.


Amsterdam, Frühjahr 1992
Ich war 26 Jahre alt und studierte an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam. Ich war mit der Mitfahrzentrale aus Berlin gekommen — Aufkleber noch drin, Alexanderplatz, £55. Die Mauer war seit zweieinhalb Jahren gefallen. Ich war aus Ostberlin, hatte Russisch und Kunsterziehung in Dresden studiert, hatte in einer Kaserne gemalt während sieben Kameraden zugeschaut hatten. Und jetzt war ich in Amsterdam.
1992 gab es keine Handys. Skizzenbücher waren für mich der normale Weg, Ideen, Gedanken, Beobachtungen festzuhalten — als Zeichnung oder als Notiz, schnell, direkt, ohne Filter. Wer mich heute als Crypto Artist und NFT-Collector kennt, sieht vielleicht nicht, dass ich im Rücken eine ganz andere, vollständig analoge Geschichte habe. Dieses Heft ist ein Teil davon.
Die Welt war in Bewegung. Im Mai 1992 wurde Giovanni Falcone ermordet — der sizilianische Anti-Mafia-Richter, gesprengt auf der Autobahn bei Palermo. Das hat mich tief getroffen. 1992 war ich zum ersten Mal in Italien — mit der Rietveld Academie auf Exkursion in den Norden: Verona, Padua, Mantua, Venedig. Falcone starb im Süden, im selben Jahr. Erst vor drei Jahren war ich zum ersten Mal in Sizilien. Das Denkmal für Falcone in Palermo hat mich stark beeindruckt. Manche Kreise schließen sich langsam.
Ich habe damals alles sofort gezeichnet. Das war meine Art, die Welt zu verstehen.






Rembrandtplein, nachts
Irgendwann in diesem Frühjahr — ich weiß nicht mehr wann genau — lief ich abends über den Rembrandtplein nach Hause. Ein Mädchen, blond, saß allein in der Kurve des Raumes, von hinten. Ich fragte sie: „Hast du den Film Basic Instinct gesehen?” Sie schaute mich feindoselig an und sagte, sie wolle nicht mit mir sprechen. Zwei Zuhälter schauten mich an.
Nach einer Weile stieß eine Frau zu uns — Schwedin, sagte sie, später stellte sich heraus: Guatemaltekin. Gespräch, vor allem mit Maurice. Ich bestellte noch Bier und für sie einen Huiswijn. Später sagte Maurice, das Mädchen sitze noch immer allein und ich solle nochmal hingehen. Ich sagte nein. Er ging trotzdem. Der größere Zuhälter zerrte mich weg, ich winkte ab. Der kleinere — gefährlicher, nicht ganz zurechnungsfähig — schaute finster. Ich spürte ein unangenehmes Kribbeln im Rücken.
Das habe ich noch in derselben Nacht aufgeschrieben. Unleserlich, in diesem Heft. Und dann vergessen. Für 33 Jahre.



Im Skizzenbuch gibt es auch mehrere Zeichnungen von Petra — eine Holländerin, ein Jahr über mir im Fashion Department der Rietveld. Sie gehörte lose zum Kreis der Seymour Likely Lounge. Ich weiß ihren Nachnamen nicht mehr. Nach Amsterdam habe ich nie wieder etwas von ihr gehört.



Was das Buch sonst noch enthält
Die Volksbühne in Berlin — mit einem Flugzeug das darüber hinwegfliegt. Das DDR-Symbol auf dem Giebel, das Wasser davor. Ich war gerade erst weg aus Berlin, aber Berlin war noch in mir. Ein T-Shirt-Entwurf: „Tekkno-Gen. Berlin Amsterdam N.Y. Wolf Apfelbaum. The Bobby-Peru-Party.” — 1992 war Techno noch jung, Amsterdam einer der Mittelpunkte. Wir haben das gespürt.
Und eine theoretische Notiz, quer über eine Doppelseite: „Standpunkt ↔ Form / Inhalt. Die Freiheit des Malers und die Freiheit der Gesellschaft ihn zu akzeptieren. Das Risiko des Malers und das Risiko der Gesellschaft den Maler zu akzeptieren oder nicht.” — Ich war 26 und habe meine eigene Kunstphilosophie formuliert. Dieselbe Frage beschäftigt mich heute noch.






Warum ich das zeige
Ich lebe seit 1996 in Tbilisi, Georgien. Ich bin Maler, Crypto Artist, Reiseveranstalter. Ich war dabei als die Mauer fiel, als Falcone starb, als Techno entstand, als NFTs begannen. Ich war oft an den richtigen Orten zur richtigen Zeit — ohne es zu wissen.
Dieses Heft ist ein Dokument dieser Zeit. Von einem 26-jährigen Ostberliner der gerade die Welt entdeckte, mit Kugelschreiber und schlechter Handschrift.
English
I found an old sketchbook. On the first page, in my own handwriting:
I had completely forgotten it existed.
Amsterdam, Spring 1992
I was 26 years old, studying at the Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam. I had come from Berlin by rideshare — the sticker is still inside, Alexanderplatz, £55. The Wall had fallen two and a half years earlier. I was from East Berlin, had studied Russian and art education in Dresden, had painted in an army barracks while seven comrades watched. And now I was in Amsterdam.
In 1992 there were no mobile phones. Sketchbooks were my normal way of capturing ideas, thoughts, observations — as a drawing or a note, quickly, directly, without filter. Those who know me today as a crypto artist and NFT collector may not see that behind me there is a completely different, fully analogue history. This notebook is part of it.


The world was in motion. In May 1992, Giovanni Falcone was murdered — the Sicilian anti-mafia judge, blown up on the motorway near Palermo. It hit me deeply. In 1992 I was in Italy for the first time — on a Rietveld Academie excursion to the north: Verona, Padua, Mantua, Venice. Falcone died in the south, in the same year. Only three years ago did I visit Sicily for the first time. The monument to Falcone in Palermo made a deep impression on me. Some circles close slowly.
I drew everything immediately. That was how I understood the world.






Rembrandtplein, at night
Sometime that spring — I no longer remember exactly when — I was walking home across the Rembrandtplein at night. A girl, blonde, was sitting alone in the curve of the room, seen from behind. I asked her: “Have you seen the film Basic Instinct?” She looked at me with hostility and said she didn’t want to speak with me. Two pimps watched me.
After a while a woman joined us — Swedish, she said, it later turned out she was Guatemalan. Conversation, mostly with Maurice. I ordered another beer and for her a huiswijn — house wine. Later Maurice told me the girl was still sitting alone and I should go over again. I said no. He went anyway. The bigger pimp pulled me away, I waved him off. The smaller one — more dangerous, not quite right in the head — stared darkly. I felt an unpleasant tingling in my back.
I wrote this down the same night. Illegibly, in this notebook. Then forgot it. For 33 years.



The sketchbook also contains several drawings of Petra — a Dutch woman, one year above me in the Fashion Department at the Rietveld. She was loosely part of the Seymour Likely Lounge crowd. I no longer remember her last name. After Amsterdam I never heard from her again.



What else the book contains
The Volksbühne in Berlin — with an aeroplane flying over it. The East German symbol on the gable, the water in front. I had just left Berlin, but Berlin was still inside me. A T-shirt design: “Tekkno-Gen. Berlin Amsterdam N.Y. Wolf Apfelbaum. The Bobby-Peru-Party.” — In 1992 techno was still young, Amsterdam one of its centres. We felt it.
And a theoretical note, across a double page: “Standpoint ↔ Form / Content. The freedom of the painter and the freedom of society to accept him. The risk of the painter and the risk of society to accept the painter — or not.” — I was 26 and already formulating my own philosophy of art. The same question still preoccupies me today.



Why I’m showing this
I have lived in Tbilisi, Georgia since 1996. I am a painter, crypto artist, tour operator. I was there when the Wall fell, when Falcone died, when techno was born, when NFTs began. I was often in the right place at the right time — without knowing it.
This notebook is a document of that time. From a 26-year-old East Berliner who was just discovering the world, with a ballpoint pen and bad handwriting.
