Manche Bilder kommen nicht auf einmal.
Sie brauchen eine lange Zeit.
Eine Begegnung im Kaukasus
1997, irgendwo zwischen Georgien und Inguschetien, trafen wir ihn im Schnee.
Einen Händler, der durch die Berge zog — einer von denen, die abgelegene Regionen miteinander verbanden, in einer Zeit, in der Austausch oft Überleben bedeutete. Sein Name ist Armazi. Oder Omari. Oder Mak-Sharif.

Ich habe das Foto nicht gemacht. Ich war Teil davon.
Kontrabanda – der Warenverkehr über die Pässe des Kaukasus
Mitte der 1990er Jahre, nach Jahren von Krieg und Konflikt im Kaukasus, lebten viele abgelegene Bergdörfer fast ausschließlich von dem, was sie selbst herstellen konnten: Kühe, Schafe, Käse, Butter, Kräuter, selbst gebrannter Wodka, Tabak.
Doch manches ließ sich nur durch Tausch beschaffen: Mehl, Hufeisen, Öl, Munition — manchmal sogar ein kleiner koreanischer Farbfernseher.
Diese Waren wurden von professionellen Händlern in die Berge gebracht.
Sie organisierten den Austausch: Schafe gegen Treibstoff, Zigaretten gegen ein Pferd.
Ihre Ware hatte einen Namen: „Kontrabanda“ — geschmuggelte Güter.

Nicht immer illegal. Meistens war alles ganz legal.
Aber nie sicher.
Grenzer, korrupte Polizisten, Räuber — die Gefahr war allgegenwärtig.
Und auch das Wetter: Schneestürme, Lawinen, ein falscher Schritt eines Pferdes konnte alles kosten.
Doch diese Händler brachten nicht nur Waren.
Sie brachten Nachrichten.
Aus Tiflis. Aus Grosny. Aus Jerewan.
Zeitungen, Gerüchte, Witze, Wechselkurse.
Fragmente einer Welt, die weit entfernt war.
Es waren harte, wache Männer.
Anpassungsfähig.
Und notwendig.
Eine Erinnerung wird zum Bild
Jahre später kehrte das Bild zurück.

2005 begann ich, damit zu arbeiten — als digitale Collage.
Ich zerlegte es, verschob es, fügte Text hinzu, den ich als E-Mail Spam erhielt und der mir igendwie gefiel.
Später wurde es physisch.
2009 entstand eine Collage. Materialien traten in das Bild ein.

Und erst 2024 wurde daraus ein Gemälde.

Das Bild brauchte 29 Jahre, um seine Form zu finden.
Meiner Welt eine Form geben
„Kontrabanda“ handelt nicht nur von Handel.
Es handelt vom lebenswichtigen Austausch mit den für die abgelegenen chewsurischen Dörfer notwendigen Güter. Dieser Handel war ein wichtiges Geschäftsmodell in einer Zeit, in der die meisten staatlichen Strukturen nicht mehr existierten.
Von alltäglichen Begegnungen.
Von längst vergessenen Geschichten.
Von ganz bestimmten Menschen und ihrer Freundschaft und Präsenz.
Davon, wie Bilder durch die Zeit wandern, ihr Medium wechseln, ihre Bedeutung, ihr Gewicht.
Von Fotografie zur digitalen Collage, zum Objekt, zur Malerei.
In einer Welt, in der alles schnell, reproduzierbar und verfügbar ist, interessiert mich das Gegenteil:
Arbeiten, die Zeit brauchen.
Arbeiten, die sich widersetzen.
Arbeiten, die Erinnerung tragen.
Manche Bilder wollen nicht schnell fertig werden.
Sie bestehen auf Zeit.
🧾 Werk
Acryl auf Leinwand, 190 × 130 cm
Vernissage Gallery, Tiflis
November 2024
Das Gemälde ist auf Anfrage erhältlich.
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