Kontrabanda

„Kontrabanda“ ist ein Gemälde über Handel, Erinnerung und Zeit im Kaukasus – entstanden aus einer Begegnung im Schnee im Jahr 1997 und entwickelt über 29 Jahre hinweg.

Manche Bilder kommen nicht auf einmal.
Sie brauchen eine lange Zeit.

Eine Begegnung im Kaukasus

1997, irgendwo zwischen Georgien und Inguschetien, trafen wir ihn im Schnee.
Einen Händler, der durch die Berge zog — einer von denen, die abgelegene Regionen miteinander verbanden, in einer Zeit, in der Austausch oft Überleben bedeutete. Sein Name ist Armazi. Oder Omari. Oder Mak-Sharif.

Gruppe von Menschen mit Pferden im Schnee im Kaukasus
Kaukasus, 1997 — Begegnung im Schnee

Ich habe das Foto nicht gemacht. Ich war Teil davon.

Kontrabanda – der Warenverkehr über die Pässe des Kaukasus

Mitte der 1990er Jahre, nach Jahren von Krieg und Konflikt im Kaukasus, lebten viele abgelegene Bergdörfer fast ausschließlich von dem, was sie selbst herstellen konnten: Kühe, Schafe, Käse, Butter, Kräuter, selbst gebrannter Wodka, Tabak.

Doch manches ließ sich nur durch Tausch beschaffen: Mehl, Hufeisen, Öl, Munition — manchmal sogar ein kleiner koreanischer Farbfernseher.

Diese Waren wurden von professionellen Händlern in die Berge gebracht.
Sie organisierten den Austausch: Schafe gegen Treibstoff, Zigaretten gegen ein Pferd.

Ihre Ware hatte einen Namen: „Kontrabanda“ — geschmuggelte Güter.

Packpferde mit Ladung im Schnee im Kaukasus
Unterwegs mit Waren – Handel im Gebirge

Nicht immer illegal. Meistens war alles ganz legal.
Aber nie sicher.

Grenzer, korrupte Polizisten, Räuber — die Gefahr war allgegenwärtig.
Und auch das Wetter: Schneestürme, Lawinen, ein falscher Schritt eines Pferdes konnte alles kosten.

Doch diese Händler brachten nicht nur Waren.

Sie brachten Nachrichten.
Aus Tiflis. Aus Grosny. Aus Jerewan.

Zeitungen, Gerüchte, Witze, Wechselkurse.
Fragmente einer Welt, die weit entfernt war.

Es waren harte, wache Männer.
Anpassungsfähig.
Und notwendig.


Eine Erinnerung wird zum Bild

Jahre später kehrte das Bild zurück.

Digitale Collage mit Pferden im Schnee und eingefügtem Text. Heiner Buhr. 2005
Digitale Collage, 2005 — erste Transformation der Fotografie

2005 begann ich, damit zu arbeiten — als digitale Collage.
Ich zerlegte es, verschob es, fügte Text hinzu, den ich als E-Mail Spam erhielt und der mir igendwie gefiel.

Später wurde es physisch.
2009 entstand eine Collage. Materialien traten in das Bild ein.

Collage mit Pferden im Schnee und aufgeklebten Tabletten als künstlerisches Element. Heiner Buhr, 2009
Physische Collage – Transformation der Fotografie in ein Objekt

Und erst 2024 wurde daraus ein Gemälde.

Gemälde Kontrabanda mit Pferden und Händlern im Kaukasus, Hans Heiner Buhr 2024. Gemälde Schnee Georgien
„Kontrabanda“, 2024 — Acryl auf Leinwand, 190 × 130 cm

Das Bild brauchte 29 Jahre, um seine Form zu finden.


Meiner Welt eine Form geben

„Kontrabanda“ handelt nicht nur von Handel.
Es handelt vom lebenswichtigen Austausch mit den für die abgelegenen chewsurischen Dörfer notwendigen Güter. Dieser Handel war ein wichtiges Geschäftsmodell in einer Zeit, in der die meisten staatlichen Strukturen nicht mehr existierten.

Von alltäglichen Begegnungen.
Von längst vergessenen Geschichten.
Von ganz bestimmten Menschen und ihrer Freundschaft und Präsenz.

Davon, wie Bilder durch die Zeit wandern, ihr Medium wechseln, ihre Bedeutung, ihr Gewicht.

Von Fotografie zur digitalen Collage, zum Objekt, zur Malerei.


In einer Welt, in der alles schnell, reproduzierbar und verfügbar ist, interessiert mich das Gegenteil:

Arbeiten, die Zeit brauchen.
Arbeiten, die sich widersetzen.
Arbeiten, die Erinnerung tragen.

Manche Bilder wollen nicht schnell fertig werden.
Sie bestehen auf Zeit.


🧾 Werk

Acryl auf Leinwand, 190 × 130 cm
Vernissage Gallery, Tiflis
November 2024

Das Gemälde ist auf Anfrage erhältlich.

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